Andreas Pflüger (Drehbuch)
Biographie, zu dem Drehbuch

  Ein dritter Punkt war – zunächst nur ein Gefühl – ein Unbehagen darüber, daß Kremer von vornherein ein Mensch war, der nur eine Dimension hatte: die Dimension des Opfers. Durch die Beschäftigung mit dem dritten Reich, speziell dem Holocaust, mit ich mich bereits Jahre zuvor in zwei Dokumentarfilmen auseinandergesetzt hatte, habe ich erfahren, daß viele Über-lebenden von einem tiefsitzenden Schuldgefühl gequält wurden und werden – von der Frage: Warum habe ich überlebt und so viele andere nicht? Das brachte mich auf Primo Levi, der in Auschwitz inhaftiert war, und in seinen Erinnerungen ein Ereignis schildert, das man als Paradigma begreifen kann. Folgendes geschieht: Levi arbeitet in einem Außenkommando auf dem Gelände der Buna-Werke. Er findet in einem Keller ein Rohr, in dem sich Wasser befindet. Nun steht er vor der existentiellen Frage: Was mache ich? Es ist ein furchtbar heißer Sommer, die SS verweigert den Häftlingen Wasser. Es ist entsetzlich. Levi könnte dieses Wasser aus dem Rohr mit seinen Kameraden teilen, mit allen.




-------------------------------------- Cast & Crew


Das würde bedeuten, der halbe Liter brackige Brühe, von dem wir reden, ergäbe für jeden einen Tropfen, kaum mehr. Levi könnte diesen halben Liter mit seinem besten Freund teilen, dann bekommt jeder die hälfte. Oder er trinkt ihn allein. Er ringt mit sich. Und dann faßt er einen Entschluß: Er trinkt das Wasser. Er spricht nie davon. Sein Freund wird, genau wie Primo Levi, 1945 befreit und überlebt. Über viele Jahre hinweg werden sie sich nach dem Krieg immer wieder begegnen. Weil sie einen ähnlichen Beruf haben, sich auf Konferenzen auf der ganzen Welt treffen. Sie sind Freunde. Aber sie reden nie von Auschwitz. Dreißig Jahre später sitzen sie in einer Hotelbar. Und da sagt dieser Freund zu Levi: »Weißt du, wir haben viel zusammen durchgestanden.
Du warst immer mein bester Freund, aber daß du damals diesen Schluck Wasser in Auschwitz nicht mit mir geteilt hast, werde ich Dir nie verzeihen.« Das war die Grundlage für die dritte Dimension, wie ich es nenne.


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